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Das JazzDorf lebt!

Fulminanter Auftakt des Jazz & Fusion Festivals

Das Ticket für das JazzDorf-Festival hing schon seit einem Monat am Kühlschrank. Wollerstorf…wo soll das denn sein? Die Automatenstimme meiner Navigation zeigte mir den Weg und ich fuhr die letzten Kilometer durch eine Obstbaumallee an Stoppelfeldern vorbei. Am Parkplatz empfing mich ein buntes Sammelsurium der norddeutschen Kennzeichen und man sah direkt in den Rundling mit seinen sieben Höfen. Ganz vorne links unter alten Kastanien steht der alte Dorfsaal, der heute Schauplatz des musikalischen Spektakels werden soll. Das hatten sich seine Erbauer vor über 100 Jahren wohl niemals so gedacht. Das kleine Rundlingsdorf bei Wittingen hat sich herausgeputzt und lädt zum ersten Mal zu einem Jazzfestival, genannt JazzDorf, bei dem 16 Künstler, angereist aus Berlin, Hamburg, Osnabrück und Marseille, ihre Musik präsentieren. Allein die Anzahl der Musiker und Helfer verdreifachte die Einwohnerzahl des Dorfes.

In der Stadt ist Kultur ein Angebot, auf dem Land ist sie eine Leistung. In der Stadt gibt es Infrastruktur, auf dem Land besteht die Infrastruktur aus Menschen und aus dem, wa

s sie tun oder unterlassen.

Die Einwohner des kleinen Dorfes Wollerstorf haben getan! Umgeben von alten Höfen unter alten Bäumen hätte ich den ganzen Abend bei Speis und Trank verbringen können, doch das erste Konzert rief mich auf den Saal, denn ich kam, um Musik zu erleben und wurde nicht enttäuscht.

Christoph Spangenberg aus Berlin, der sein Programm im letzten Jahr in der Elbphilharmonie präsentieren durfte, eröffnete den Abend mit einem Solokonzert am Flügel. Mit sichtbarer Hingabe interpretierte er Songs der Grunge-Legende Nirvana. Was? Grunge am Flügel, geht das? Die Powerchords der gitarrenlastigen Rockband aus Seattle boten die Spielfläche, die Christoph mit hoher Dynamik, mal virtuosem mal reduziertem Spiel auf der ganzen Klaviatur nutzte. Die Art der Moderation des Künstlers gab zudem sofort ein Gefühl des gemeinsamen Hörens und schaffte die Nähe, die ein Konzert zu einem Erlebnis macht. Stehende Ovationen im gut gefüllten Saal erlaubten Christoph Spangenberg die Zugabe.

Der zweite Act des Abends war die Band des Max Mutzke Drummers Tobias Held aus Hamburg, das Tobias Held IndieJazz Project. Tobias zeigte von der klassischen Schlagzeugschule bis hin zu ausgefeilten Drum-Pattern die Bandbreite seines Instruments. Mit einer druckvollen Indierock-Rhythm-Section bestehend aus Oliver Karstens (Anna Depenbusch) am Bass und Arne Vogeler (Miu) an der E-Gitarre sowie den hookigen Bläsersätzen von Charlotte Orthmann (Peter Herbolzheimer European Masterclass Bigband) am Alt-Sax und Querflöte und Konstantin Herleinsberger am Tenorsax (Echo Newcomer mit dem BamesreiterSchwartzOrchester) spielte das IndieJazz Project eine Art Crossover-Jazz zwischen dem Sound US-Serien der 80 und 90er, Mutemath und alter Jazzhelden. Beindruckend war, dass dies mit so viel Leichtigkeit vorgetragen wurde, dass die Titel noch Songs sind und sogar zum Bewegen einluden. Vor allem als Zsuzsa im blauen Kleid die Bühne betrat, konnte keiner mehr nur still zuhören. Ausdrucksstark interpretierte die St. Paulianerin mit tiefer souliger Stimme „Moondance“ und man nahm ihr ab, dass die Nacht dafür geeignet sein muss.

Draußen war es jetzt schon dunkel und ich stellte fest, dass nicht alle den Weg in den Konzertsaal fanden. Viele Menschen genossen sichtlich das Ambiente des illuminierten Dorfplatzes. Einige waren einfach neugierig aus den Nachbardörfern mit dem Fahrrad gekommen. Der entspannten und ausgelassenen Atmosphäre tat auch der nun einsetzende Regen keinen Abbruch, als die acht Musiker des NuH[u]ssel Orchstra die Bühne betraten. Mit Wanja C. Hasselmann (Drums//Musical Director), Jonathan Ihlenfeld Cuñado (Bass; Trilok Gurtu, Anika Nilles), Florian Kiehn (Git; We don’t suck, we blow!), Jan Gospodinow (Trp; The Roy Frank Orchestra), Lasse Golz (Sax, Rocket Man), Christopher Baum (Keys, Jazzkantine) und Patrick Huss (Percussion; Bentō) kamen Leader der Top-Acts der Szene zusammen. Soundwände versprach die Ankündigung und mit einem Sound erinnernd an Miles Davis, Weather Report und Snarky Puppy, extrem gut arrangiert und gespielt, wurde das Versprechen eingelöst. Mal unfassbar dicht, dann wieder einzelne Instrumente gebührend repräsentiert, groovte die große Besetzung und das Publikum feierte. Selbst Christoph Spangenberg und Tobias Held gaben noch ein Stelldichein auf der Bühne. Als I-Tüpfelchen betrat Tina Sona die Bühne und man merkte ihr an, dass sie darauf richtig Lust hatte. Die Sängerin der erfolgreichen Pimpy Panda war heute als Gast des NuH[u]ssel Orchestras aus Osnabrück angereist und wird auf der nächsten Veröffentlichung der Hamburger zu hören sein. Wir hier im Jazzdorf erfuhren nachdrücklich, warum Wanja Hasselmann, der Mastermind der Band, Tina dafür auswählte. Der Blend zwischen Stimme und Musik passte einfach perfekt. Auch nicht zuletzt hier sorgte die Band unterstützt von einer hervorragenden Ton- und Lichttechnik für einen homogenen und druckvollen Sound. Die Zugaben waren nur noch Party und wir können nur den Hut ziehen vor so viel Bühnenpräsenz und Engagement.

Das JazzDorf 2018 ist mit einem hohen musikalischen Niveau verdammt edgy, bot Partypeople im Konzertsaal und ein einmaliges Ambiente zwischen alten Bauerhöfen.
Die Infrastruktur auf dem Dorf funktioniert hier sichtbar gut.